ePetition zur Netzneutralität

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Abstract. (tl;dr):
Heute überschritt die ePetionen der Netzneutralität die 50.000er-Marke. Die technische Infrastruktur, ökonomische Zwänge zur Infrastrukturmodernierung und wirtschaftspolitische Doktrinen sollten nicht die einzigen Kriterien für die dauerhafte praxistaugliche Etablierung von Netzneutralität darstellen.

Heute überschritt die ePetition “Wirtschaftspolitik – Verpflichtung der Internetanbieter zur Netzneutralität vom 23.04.2013” von Johannes Scheller die Marke von 50 000 Mitzeichner, so dass eine Anhörung im Petitionsausschuss des Bundestages immer wahrscheinlicher ist.

Obwohl die Petition erst seit drei Tagen zur Mitzeichnung frei gegeben wurde hat sie innerhalb dieser Zeit eine große Große Anzahl von Mitzeichern überzeugen können. Auch ich bin einer der Mitzeichner.

Inwieweit diese Petition noch innerhalb der verbleibenen, wahlkampfgesteurten Legislaturperiode noch im Bundestag verhandelt wird bleibt abzuwarten.  Markus Beckedahl kommentiert die Petition bei Netzpolitik.org wie folgt:

»Das liegt aber im Ermessen des Petitionsausschuss, wenn man unbedingt will, kann dieser sicher auch noch in den verbleibenden Monaten eine Anhörung einberufen.

Zuviel versprechen sollte man sich allerdings nicht davon. Eine Anhörung im Petitionsausschuss ist ein Stück weit Demokratiesimulation.«

Ungeachtet der Frage ob die Petition einen eher symbolischen Charakter hat, ist ihre Unterstützung ein probates Mittel auf Fehlleistungen der herrschenden Politik aus Bürgerspektive hinzuweisen.

(Markt-)Technikzentrische Kritik

@tante
tante Hans Hübner zu Netzneutralitätsforderungen: "im wesentlichen durch Unkenntnis und Unwillen geprägt, sich mit der Technik und den Skalierungsnotwendigkeiten auseinanderzusetzen" http://netzhansa.blogspot.de/2013/05/drosselkom-eine-diskussion-die-der.html

Sowohl die Petition als auch die Bestrebungen gegen die Drosselpläne zu protestieren, die nachgelagert die Forderungen der Netzneutralität betreffen regt sich eine aus meiner Sicht sehr technikzentrische Kritik an der Gegenwärtigen Forderung nach gesetzlichen Legitimation von Netzneutralität.

Hans Hübner beschreibt etwa in seinem Blog-Artikel »“Drosselkom” – All your IP networks are belong to us« den technischen Infrastrukturwandel von der klassischen Carrier-Provider, deren Infrakstruktur nicht auf dem IP-Protokollen basiere, sondern »ITU-Standards, die aus dem Telefonnetz hervorgegangen sind.«

Diesen klassischen Providern stehe nun ein technischer Infrastrukturwandel bevor: »Um marktfähig zu bleiben, stellen die großen Traditionscarrier nun also Ihre Infrastruktur komplett auf IP um.«

Umgesetzt werden soll Strukturwandel nach Hübner über ein »gemanagtes Netz« unter der einführung unterschiedlicher Verkehrsklassen als Carrier-Grade-IP-Netz, dem der gegenwärtige Betrieb als Best-Effort-Netz mit gleich behandelten Daten gegenübergesellt wird:

»Es macht einfach Sinn, das so zu tun, und dazu braucht man eben ein gemanagtes Netz, in dem sich unterschiedliche Verkehrsklassen realisieren lassen, und darin unterscheidet sich ein Carrier-Grade-IP-Netz vom “Internet”. Im Internet nämlich, dessen Freiheit derzeit verteidigt wird, werden traditionell alle Daten als Best-Effort-Verkehr gleich behandelt.«1

Soweit die Darstellung des technischen Infrastrukturwandels bei Hübner, der sich nun der Frage der Netzneutralität und dem Ruf nach staatlicher Regulierung zu einem zuwendet:

»Wenn nun also behauptet wird, dass so ein gemanagtes Netz der Netzneutralität entgegen steht und nach Regulierungen gerufen wird, dann stellt sich die Frage, welches Ziel damit verfolgt werden soll.«

Hinsichtlich der kursierenden Ziele oder Motive bedürfe es wohl einer detaillierten Analyse, um etwa in den gegenwärtigen Diskursen bestimmte Strömungen, hegemoniale Muster (wenn diese denn existieren) oder etwa Spannungsfelder zu identifizieren. Gegenwärtig könnten aber auch diese vermutlich nur sehr begrenzte Momentaufnahmen abbilden, da die Debatten noch im Schwange sind und ein vermeintlich politischer Prozess vermutlich erst nachgelagert objektivierbar werden dürfte.

Hübners Mangeldiagonse innerhalb der Debatten um Netzneutralität liest sich auszugsweise wie folgt:

»Mir kommt es so vor, als sei die Diskussion im wesentlichen durch Unkenntnis und den Unwillen geprägt, sich mit der Technik und den Skalierungsnotwendigkeiten auseinanderzusetzen. Es soll alles immer schneller werden und fast nichts kosten, und wenn es denn was kostet, dann soll es doch die Allgemeinheit bezahlen.« (Hervorhebungen von mir)

Kritisiert wird zunächst ein technisches Unverständnis, das vor allem die homogenisierte Netzgemeinde2 hinsichtlich einer nicht näher erläuterten  Notwendigkeit auf Skalierung. Vermutlich soll die neuen technischen, strukturellen Soheit des Netzes als Klassennetz (Carrier-Grade-IP-Netz) gestiegene Anforderungen (höheres Datenaufkommen aufgrund zahlreicher mobiler und medialer Anwendungsfälle)  bewältigen können helfen.

Kritisch bewertet der Autor dahingegen die Intention der Solidarisierung der Kosten, die sich aus dem Infrastrukturwandel ergeben könnten. Dieser Gedanke scheint mit der Vorstellung eines schlanken Staates zu korrelieren, der ehemalige Staatsmonopole privatisiert und damit auch Infrakstrukturerhalt und -modernisierung privatisiert.

Dieses wirtschaftspolitische Doktrin wurde, wie allgemein bekannt, auf zum Teil auf die Energieversorgung, Massentransite und Wasserversorgung ausgeweitet. Leider mit zum Teil fatalen Ergebnissen: Die ehemaligen Staatsmonopole scheuen Inventionen in die eigene Infrastruktur und setzen ihre Ressourcen eher für Gewinnmaximierungsstrategien ein, von der sich eine höre Bewertung an nationalen oder internationalen Börsen versprochen wird oder nutzen ihre Mittel für internationale Expansionsvorhaben.

Im weiteren schließt sich die Frage an, ob Infrastrukturinvestionen ohne staatliche Untersützung,  die im Grunde eine Form von Solidarisierung ist, hinsichtlich ihrere Dimensionalität überhaupt möglich ist.

Wenn die zirkulierenden Vorstellungen von Netzneutralität auf das geteilte Motiv der Gleichheit  zurückkehren, dann wäre Solidarisierung eine mögliche Option.

Hierbei muss nicht das neoklassisch-populistische Gespenst womöglich noch sozialistisch gebrandmarkten staatlichen Fehlumverteilung gezeichnet werden. Schließlich könnte Solidarisierung auch über zivil-gesellschaftliche und sogar dezentrale Institutionen umgesetzt werden, etwa lokale oder regionale ›Bürgernetze‹. Darüberhinaus sind viele Infrastrukturleistungen, auf die wir heute zurückgreifen und die wir genuin mit der Moderne assozieren das Resultat der Ingestionen in Staatsmonopole gewesen. Viele kommunale Betreiber leisten in Hinblick auf die Versorgungsleistung ausgesprochen gute Arbeit, die besser funktionieren kann als die investionsmüder Privatkonzerne.

Hübners abschließende Forderung hat einerseits einen aus meiner Sicht eher fiktiven Kern und weist scheint das bisher ausgeführte zu bestätigen:

»Liebe Netzgemeinde, fordert doch bitte mal was Präzises, technisch Realisierbares, und nicht von technischen Dienstleistern, dass sie Euch bitte für 30 Euro im Monat die Illusion von “Freiheit” erzeugen sollen. Damit überfordert Ihr sie.«

Es ist offenbar eine Illusion, dass sich die Solidargemeinschaft aus der Investition von  Infrastrukturen ›emanzipieren‹ kann, indem sie ihre Versorgung- und Infrastrukturinstitutionen privatisiert. Entweder werden die Kosten dann über staatliche Subventionen solidarisiert oder in die Preismodelle kalkuliert, wobei die Gewinnmaximierung ein entschiedenes Kriterium für das Kalkül bildet.

Um realisierbare, präzisere Forderungen an Konzerne heranzutragen könnten, müssten ein transparenter Zugang zu einer Vielzahl von Daten möglich sein. Wenn dieser nicht gegeben ist, dann bleibt in den Forderung nach Konzernen immer etwas Fiktives, d. h. etwas was mit der Konzernrealität nicht notwendigerweise überstimmen muss. Der Grad der Präzession hängt demnach auch von der Transparenz der Konzerne ab. So sehr wie Konzerne auf ihre Außenwirkung bedacht sind, wird dieser Transparenz ohnehin immer mit dem Bewusstsein für eine gewisse Verzerrung begegnet werden müssen.

Die nachteiligen Auswirkungen sind schon an anderer Stelle vielfach im Netz diskutiert worden. Ebenso wurde gezeigt, dass diskutierten Preismodelle für eine Infrastrukturmodernierung kaum ausreichen würden.

Hübners Forderung nach pragmatischen, praxisrelavanten Forderungen ist aufgrund der vielen Ebenen, die das Thema berührt meiner Meinung nach noch nicht zu leisten.

Die technische Realisierbarkeit darf nicht zum alleinigen Kriterium werden, wenn etwa gesellschaftspolitische Aspekte (und Risken) nicht einbezogen wurden. Dazu zählt auch die sog. Deep Package Inspection, die innerhalb der Quality-of-Service-Systeme etabliert wird

Ähnliches gilt für wirtschaftspolitische Doktrinen, die zuerst Privatisierung forcieren und schließlich allein auf die (gottgebene) Selbstregulation der Märkte vertrauen.

Fußnoten

  1. Interessant ist hier die Formulierung Es macht einfach Sinn, die auf eine Normalisierung des Strukturwandels in der ausgeführten Form hindeuten könnte.
  2. Das Problem dieses Begriffs ›Netzgemeinde‹ als Adressat  ist, dass er diese Vereinheitlichung höchst heterogener Bewegungen unterschiedlicher Einzelakteure und Akteuersgruppen impliziert. Für Autor*Innen mag der Vorteil in der Vereinfachung seines Schreibens liegen, da er so einige möglichst variable Gruppe X anzusprechen können glaubt. Lobos Intervention zur Etablierung dieses Begriffs beizutragen mag in der Tat darin gelegen haben, doch sorgt die Entlastungsfunktion des Begriffs auf Seite der Autor*innen nicht notwendigerweise für Klarheit auf Seite der Leser.

Ghost

Vor einigen Wochen kündigte John O’Nolan mit Ghost eine neue Blogging-Plattform an:

»Ghost is an Open Source application which allows you to write and publish your own blog, giving you the tools to make it easy and even (gasp) fun to do.«

Der Fokus liegt laut dem überzeugendem Präsentations-Video auf dem Schreiben von Text.

Zentral ist dabei die Wahl eines markup-basierten Ansatzes, dh. Bogger*Innen schreiben ihre Texte mit Markdown in einem sehr nahme am plain text gehaltenen Markup. Das erinnert an static site generators, wie etwa Jekyll.

Das im Prototypen scheinbar optisch auffällige Dashboard wird allerdings auch kritisch betrachtet.

Doch  Ghost scheint nach dem Präsentationsvideo zu Urteilen, eine überzeugendeLösung zum Schreiben von Markdown-basierten Blog-Artikeln anzubieten, indem es über ein Splitscreen-Design eine schicke Preview-Funktion anzubieten scheint.

Veröffentlich werden soll Ghost unter der einer MIT License.

Ghost basiert auf Node.js und dem  Express* Framework und soll anders als WordPress unterschiedliche RDBMS als auch NoSQL-Datennbanken unterstützen. Die Distribution soll mit npm erfolgen und sich so nahtlos in das Node.js ›Ökosystem‹ einfügen.

Die Entscheidung für diese technischen Plattform begründet John O’Nolan in der FAQ zu seinem Kickstarter Projekt wie folgt:

»Node (while not perfect, as nothing is) lets us approach everything at a fundamentally low level and get around a lot of the barriers which have, until now, been taken for granted when working on something like this. Not to mention that Ghost will live on Github, where an extremely large+active JavaScript outnumber pretty much everyone else. We’re excited about being a part of that«

Das klingt ebenso spannend, wie die geringe Komplexität, die für die Entwicklung von Themes und Plugins angepriesen wird.

Auf John O’Nolan Seite lässt sich anhand seines ursprünglichen Konzeptes noch ein weiterer Hinweis auf die Features werfen. Ghost soll etwa kein eigenes Kommentarsystem anbieten wie WordPress, sondern vielmehr die Möglichkeit bieten Kommentarsystem wie Disqus einzubieten. Damit folgt O’Nolan nicht nur einem aktuellen Trend, sondern übernimmt die übliche Integration von Kommentaren wie sie bei Jekyll- oder Octopress-Blogs und vergleichbaren Systemen üblich geworden ist.

Für diejenigen die gerne die Hoheit über die Kommentare behalten wollen, mag das ein Hintergrund sein, obwohl Disqus nicht unbedingt die schlechteste Wahl in puncto Nutzerdatenhoheit ein muss. Denkbar ist auch, dass andere Entwickler ein autarkes Kommentarsystem beisteuern, dass in Ghost integriert werden könnte. Ob ein solches allerdings eine vergleichbare Leistung  wie Disqus erbringen kann, müsste sich dann erst noch zeigen.

Derzeit ist ein Release auf Githup ist für den September diesen Jahres geplant.

Ziel der Crowdfunding-Aktion via Kickstarter ist offenbar die Gründung einer Non-Profit-Organisation – die Moziilla Foundation dient dabei als Vorbild  –,  mit der Absicht kommerzielle Interessen eindämmen zu können. Für O’Nolan stehlt etwa ein späterer Verkauf an einen Netzgiganten nicht zur Disposition.

Ghost ist das bisher erste Projekt, dass bei Kickstarter mit einem kleinen Betrag unterstützt habe. Tatsächlich bin ich sehr gespannt auf Ghost und werde es definitiv ausprobieren.

Links von 02.05.2013 bis 22.05.2013

Links von 02.05.2013 bis 22.05.2013:

Leipziger Iron Blogger rüsten sich

Logo der Leipziger Iron Blogger

Auch das brüllende Logo der Leipziger Iron Blogger beweist Nerven aus Stahl.

Ab der kommenden Woche wird eine kleine mutige Gruppe eiserne Nerven beweisen müssen.

Damen und Herren aus Stahl.  Einer der derzeit elf-köpfigen Truppe darf ich sein.

Diese Woche zählt bereits als Generalprobe.

Das tapfere Bloggerlein Thomas Gigold (@gigold) hat das Konzept anderer Städte nach Leipzig importiert und umgesetzt1:

»Und ich dachte: Ey, BerlinHamburgKielRuhrgebietStuttgart - demnächst Bonn und Köln. Kann ja wohl nicht sein, dass Leipzig da fehlt. Obwohl wir doch mindestens 101 geile Blogger in der Stadt haben. Mindestens!«

Und nachdem uns  Thomas Gigold nun schon einen Eisernen Thron bereitet: Wer könnte sich dem schon ernsthaft verwehren?

Endlich wieder mehr bloggen. Mindestens einmal in der Woche. Ansonsten könnte es teuer werden und unangenehmer Weise feucht und fröhlich.

Packen wir es an!

Übrigens: Verantwortlich dafür, dass mich auf dieses Abentheuer eingelassen habe, ist allerdings allein Datenpunk tamso (@_tasmo).

 Fußnote

Quantified Self

Abstract. (tl;dr):
Der Frage nach dem Quantified Self schließt sich offenbar die Frage nach einem Optimized Self an, ohne dabei ein Qualified Self zu thematisieren. Ist nicht aber, in Anlehnung an eine sozialwissenschaftliche Perspektive, nicht eher die Frage nach Multiple Selves angebracht, wenn Konzepte der Selbstkultivierung diskutiert werden?

Als ich vor einiger Zeit RunKeeper zur Aufzeichnung meiner Laufaktivitäten auf meinem Smartphone nutze, war das nicht mehr als ein Versuch die Möglichkeiten meines Smartphones auszunutzen: GPS und Mobiles Netz.

Eine App wie RunKeeper schien mir die sinnvollste Anwendung meines Smartphones jenseits Zugriff auf Microblogging-Dienste und – weitaus seltener – Soziale Netzwerke.

RunKeeper zeichnet, sofern GPS denn will, die gelaufene Strecke und die Zeit aus und errechnet über die interne Sensorik des Smparthones Mittelwerte wie etwa die Steigung. RunKeeper bietet zudem einen Health-Graph an, der über eine REST-API aus unterschiedlichen Gadgest bzw. andere Software manipuliert werden kann.

Im  Zusammenhang mit der sog. Quantified-Self-Bewegung werden Apps wie RunKeeper, die in der Regel mit weiterer Hardware und Sensorik aufgerüstet werde, sind als  Activity Trackers bezeichnet worden, während die entsprechene Hardware als Activity monitors etikettiert wurden.

Nach der Wikipedia ist Quantified Self ein

»movement to incorporate technology into data acquisition on aspects of a person’s daily life in terms of inputs (e.g. food consumed, quality of surrounding air), states (e.g. mood, arousal, blood oxygen levels), and performance (mental and physical)«

Hans de Zwart nennt im weiteren drei zentrale, recht pragmatische Fragen, die mit der Konzeptualisierung des Quantified Self

  • What did you do?
  • How did you do it?
  • What did you learn?
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Screemshot eines Auschnitts aus einem öffentlichem Daytum-Profil.

Das Konzept des Quantified Self überschneidet sich in gewisser Weise mit der Lifelogging-Bewegung. Auch im Blog-Artikel »“Don’t Life Log Me” – Quantified Self 2013 in Amsterdam« von  Hans de Zwart, der dort seine Beobachtung von der diesjährigen Quantified Self 2013  wird dieser Aspekt aus unterschiedlichen diskutiert.

Daytum könnte beispielsweise bereits ein Hybrid zwischen einem Quantifed-Self-Werkzeug und einer Lifelogging-Application sein.

Pomodoros auf den Augen

Das Thema der Produktivitästechniken die Thematik des Quantified Self. Infwiefern?

Wer seine täglichen Aufgaben in ToDo-Listen nach dem Getting-Things-Done-Prinzip (GTD)  organisiert, kann mittlerweile auf eine unglaubliche Zahl von Apps sowie Webs- und Desktop-Anwendungen zurückgreifen.

Nicht wenige dieser Werkzeuge ermitteln aus den täglichen erledigten ToDos Metriken, die Rückschlüsse auf die eigene Produktivität erlauben soll. Diese Kennzahlen sollen nicht nur das eigene Leistungspensum transparent machen, sondern auch Anreize über Vergleichbarkeit erzeugen. Die eigene Leistung ist über ToDos quantifizierbar geworden.

The Pomodoro Technique on vimdeo uploaded by 

Das Konzept der Pomodoro wurde ursprünglich ersonnen, um der Reizüberflutung unserer hyper-medialen Gegenwart klar definierbare fokussierten Zeitraum ohne Ablenkung für eine bestimmte Aufgabe zu ermöglichen.

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Schreenshot: Pomodoro-Hack in meinen GTD-Tool Tracks.

Die typische Pomodoro ist 25 Minuten lang und wird in der Regel von einer fünf minütigen Pause abgeschlossen. Dabei stellen die fünf Minuten nicht notwendigerweise eine Unterbrechung im Sinne einer Zigarettenpause dar, sondern sind vielmehr als belohnendes Moment der Zerstreuung gedacht, in der etwa E-Mails oder Status-Updates geprüft oder humorvolle Tweets konsumiert werden dürfen, während sich  Pomodoroist*Inen zuvor 25 Minuten ununterbrochenes, konzentriertes Arbeiten auferlegt haben. Die Pomodoro-Technik empfiehlt eine Aufgabe die sieben Pomodoros übersteigt in kleinere Teilaufgaben zu brechen.

Was als psychologisches Anreizsystem zur Vermeidung von Postinkarnation konzipiert war, hat auch noch eine ökonomischen Aspekt. Zeit wird in Verbindung mit der kombinierbar GTD-Technik in die Quantifizierung des eigenen Leistungspenums mit einbezogen.

Das ermöglicht es dem Individuum einerseits bessere Schätzung künftiger Aufgaben, auf Erfahrungswerte berufen – die  – und erweitert anderseits die eigenen Leistungsmetriken um die Dimension der Zeit.

Ich selbst nutze die Pomodoros zur Lern- und Exzerpierarbeit, aber auch um Programmieraufgaben und längere ToDos im Haushalt. Sicherlich ist sie auf alle Aufgaben und  Anforderung eines Leistungs- oder Arbeitalltags übertragbar.

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Screenshot: Exzerpt-Header aus meinem Zettelkasten-Wiki mit Pomodoros.

In gewisser Weise wirken Pomodoros rückblickend wie eine Währung, da die Kosten für etwa eine Exzerpierarbeit in Pomodoros ausgedrückt werden und damit in Kosten-Nutzen-Erwägungen klakuliert werden können.

Cult of Done

Erstaunlicherweise kann die Dynamik der Produktionsbestrebungen noch gesteigert werden.

Bre Pettis und Kio Stark wollen zusammen in nur zwanzig Minuten folgende Regeln erarbeitet haben, die sie als »The Cult of Done Manifesto« bezeichnet haben:

  1. There are three states of being. Not knowing, action and completion.
  2. Accept that everything is a draft. It helps to get it done.
  3. There is no editing stage.
  4. Pretending you know what you’re doing is almost the same as knowing what you are doing, so just accept that you know what you’re doing even if you don’t and do it.
  5. Banish procrastination. If you wait more than a week to get an idea done, abandon it.
  6. The point of being done is not to finish but to get other things done.
  7. Once you’re done you can throw it away.
  8. Laugh at perfection. It’s boring and keeps you from being done.
  9. People without dirty hands are wrong. Doing something makes you right.
  10. Failure counts as done. So do mistakes.
  11. Destruction is a variant of done.
  12. If you have an idea and publish it on the internet, that counts as a ghost of done.
  13. Done is the engine of more.

Mindestens zwei Aspekte sind hier auffällig: Zu einem steht hier die klare Optimierung der eingeben Tätigkeiten im Fokus, welche die Ergebnisorientierung von einer Finalisierung hin zu einer offenen,permanenten Iteration verschieben möchte (Draft vs. Final).

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Poster-Visualsierung  des Manifests von Joshua Rothaas.

Dadurch könnten die Arbeit an bestimmten Projekten in einen dynamischen Fluss geraten; kurzum: das Dasein als Sisyphos im Strom nie endender Aufgaben wird akzeptiert und bis in eine gedachte Endlosigkeit verschoben.

Anderseits sind Pettis und Stark offenbar bestrebt den vermeintlichen Mythos der Null-Fehler-Toleranz respektive der Perfektion zu überwinden, indem sie Fehler als Teil ihres Leistungspenums auffassen.

Beinahe könnte man meinen der dreizehnte Punkt ihreres Manifests ist bezeichnend für einen mit Optimierung von Leistung und Produktivität befassten Zeitgeist.

Wege zum Optimized Self 

Aus meiner Sicht tangiert der Auseinandersetzung mit der Selbstquantifzierung offensichtlich die Selbstoptimierung.

Für eben diese Optimierung soll das Datenmaterial eine möglichst objektive Entscheidungs- und Vergleichsgrundlage für die strategische Ausrichtung einer Verbesserung ermöglichen. In diesem Kontext würde dann Verbesserung eine Leistungssteigerung also den Output insgesamt oder auf eine bestimmte Zeit bezogen bedeuten.

Sleep monitors sollen den möglichst besten Schlaf ermitteln helfen. RunKeeper und ähnliche Apps sollen uns helfen, unsere Ausdauer und Schnelligkeit zu verbessern – vielleicht um für den nächsten Marathon zu trainieren. Pomodoros und ToDos sollen vor allem die verfügbare Arbeits- oder Tageszeit  möglichst gut ausschöpfen helfen und den Output durch Minimierung von Ablenkung zu erhöhen versuchen.

Die Frage welcher Form von Rationalität einer solchen Selbstoptimierung zu Grunde liegt, müsste im Zuge dieser Bewegung ebenso kritisch reflektiert werden, wie die Tendenz zur immer weiter ausgedehnten Unterordnung von Zeit als auch der Vitalwerten unseres Körpers in eine Vernutzugslogik, die Leistung als rein quantitativen Output bemisst und ökonomisiert.

Der Frage nach dem Quantified Self schlicht sich somit die Frage nach dem Optimized Self an, wobei die Frage nach dem Qualified Self unbeantwortet bleibt. Oder anders gefragt: Ist  Selbstkultivierung im 21. Jahrhundert auf die reine quantifizierte Optimierung reduziert?

Abgesehen von den Fragen rationeller Lebensführung gibt es noch einen weiteren Aspekt der bereits kritisch reflektiert wird.

Hans de Zwart bloggt über einen Vortrag der Sozialwissenschaftlerin Sara Marie Watson, die zunächst Big Data und den vermeintlichen Nutzen der gesammelten Daten als Narrativ in Frage stellt, d.h. einen möglichen Grad an Funktionalität aufzeigt.

Watson hat nach de Zwart folgende kritische Fragen aufgeworfen:

  • How is our identity, sense of self tied to our data?
  • What are some of our assumptions about what data van do
  • What are the metaphors we use to describe how we relate to and use our data?
  • What are the limitations of data? What can’t data tell us about ourselves?
  • What does it mean to have a digital, numerical representation of ourselves in data?

Au diesen Fragen habe sich dann eine spannende, reflexive Diskussion ergeben:

»These questions led to a lot of discussion about multiple selves, whether each device creates a “new self”, how the self is sociologically constructed, the Hawthorne effect (again), numbers as a statement of authority (so giving individuals the ability to say something with authority about yourself) and whether QS isn’t more like art« (Hervorhebung von mir)

Mutlitple Selves sind aus der Sicht von Plattformanbietern und aus der Perspektive quantifizierender Optimierung eher problematisch. Doch die Sozialwissenschaften räumen dem Individuum innerhalb der Gesellschaft mehr als nur eine Rolle, eine Identitätskonstruktion ein.

Nun ist die Frage ob die Konzeptualisierung des Selbst in unserer Zeit als homogen Einheit oder heterogen sozio-physisches Konzeption verhandelt wird bzw. verhandelt werden sollte.

In diesem Sinne: carpe diem!